Schroffe Felsen, tiefe Täler

von tveg am 22. Juni 2014

Das Stadtmuseum Pirna bereist 200 Jahre Tourismusgeschichte in der Sächsischen Schweiz. Und überrascht mit mehr.

Von Christian Eissner

Die Bastei: Nicht nur heute ein beliebtes Ausflugsziel, sondern schon vor mehr als hundert Jahren. Foto: Stadtmuseum Pirna
Die Bastei: Nicht nur heute ein beliebtes Ausflugsziel, sondern schon vor mehr als hundert Jahren. Foto: Stadtmuseum Pirna

– keine angabe im hugo-archivsys

Museumsleiter René Misterek vor einem Schrankkoffer, der im 19. Jahrhundert auf eine Kur-Reise in die Sächsische Schweiz mitmusste. Foto: Katja Frohberg
Museumsleiter René Misterek vor einem Schrankkoffer, der im 19. Jahrhundert auf eine Kur-Reise in die Sächsische Schweiz mitmusste. Foto: Katja Frohberg

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Das Haus flutgeschädigt, die Besucherzahlen entsprechend mau: Das Pirnaer Stadtmuseum hatte 2013 ein schwieriges Jahr. Aber die Mannschaft um Museumsleiter René Misterek lässt sich von einem Elbe-Hochwasser nicht unterkriegen, sie packt mit Mut und Kreativität an. Zwei Ereignisse am Wochenende werden das Museum wieder ins Gespräch bringen.

Es geht am heutigen Sonnabend um 15 Uhr los. René Mistrek wird die von ihm kuratierte Sonderausstellung „Die Eroberung der Sächsischen Schweiz“ eröffnen, in der er reichlich 200 Jahre Tourismusgeschichte Revue passieren lässt. „Die Sächsische Schweiz war eine der ersten Regionen in Deutschland, die für den Massentourismus erschlossen wurde“, sagt Misterek. Entsprechend schlägt die Schau einen Bogen von den zarten Anfängen beschwerlicher Wanderungen in die „Heide“ – wie das Gebiet genannt wurde, als der Tourismus noch nicht erfunden und Reisen etwas für den Adel und den besonders betuchten Teil des Bürgertums war – bis hin zu den FDGB-Ferienheimen der DDR.

Die vom französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau proklamierte Großartigkeit der Natur lockte ab dem Ende des 18. Jahrhunderts Entdecker mit Sehnsucht nach ursprünglicher Landschaft ins Elbsandsteingebirge. Die Gegend erwies sich als perfekt: Schroffe Felsen, sanfte Wiesen, stille Wälder, tiefe Täler mit klar plätschernden Bächen. Die Menschen in den Dörfern nahmen das nicht eben nutzbringend erscheinende Laufen durch die Landschaft erstaunt zur Kenntnis und bewirteten die Reisenden gern.

Schon bald wurden es aber zu viele, als dass die Bauern sie durchfüttern konnten. Wilhelm Leberecht Götzinger, der sich die Felsenwelt auf ausgedehnten Wanderungen erschloss und mit seinem 1804 erschienen Reiseberichten „Schandau und seine Umgebungen“ als ein Wegbereiter des Massenansturms gilt, empfahl, lieber in den Mühlen einzukehren, die sich mehr und mehr auf die Versorgung der Gäste spezialisierten.

 

Irrwitzige Pläne

Mitte des 19. Jahrhunderts spazierten die Bürger im Sonntagsstaat auf dem Fremdenweg zwischen Pillnitz und Schandau; für die Damen wurden Hinweiszettel gedruckt, die empfahlen, sich nicht zu fest zu schnüren und Schuhe mit flachen Sohlen zu tragen. Wer es sich leisten konnte, ließ sich gleich auf einem Tragesessel über die Wege schleppen. Solch eine Trage, von der es noch einziges Original gibt, hat der Pirnaer Tischlermeister Marco Tausche eigens für die Ausstellung nachgefertigt – Besucher können sie testen.

Wer wissen möchte, wie man 1850 einen Reisekoffer packte, wie die Mühlen und Hotels um Gäste warben, welche teils irrwitzigen Pläne es gab, immer mehr Reisende zu locken – vom gigantischen Sportstadion auf der Ostrauer Scheibe bis zur Drahtseilbahn auf die Bastei – und welche Bemühungen es gab, die Landschaft, wegen der die Leute ja kamen, zu schützen, der sollte sich die feine kleine Pirnaer Schau nicht entgehen lassen. Sie zeigt auch die Entwicklung der Gebirgsvereine, wirft einen Seitenblick auf die Sächsische Dampfschifffahrt und erläutert das organisierte Ferienleben in der Sächsischen Schweiz zur DDR-Zeit.

Die Ausstellungseröffnung heute um 15 Uhr ist öffentlich, die Ausstellung ist bis zum 2. November zu sehen. Parallel zur Eröffnung der Sonderschau setzt das Stadtmuseum ein weiteres Zeichen: Am Sonntag, um 11 Uhr, wird in den Bastionen des Schlosses Sonnenstein die Ausstellung „Pirnaer Sandstein“ eröffnet, die das Museum gemeinsam mit Partnern gestaltet hat. Sie beschreibt die Sandsteingewinnung in der Sächsischen Schweiz, zeigt, worin sich Sandstein aus verschiedenen Brüchen unterscheidet und erklärt die Präsenz Sächsischen Sandsteins als Baumaterial. Besucher können sich auch selbst an der Sandstein-Bearbeitung versuchen.

(c) SZ Samstag, 21.06.2014

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