Tschechisch? Nix verstehen. Sächsische Schweiz

von admin am 9. April 2009

4. April 2009
(Sächsische Zeitung)

Tschechisch? Nix verstehen. Sächsische Schweiz

Ein Wirtshaus in der Sächsischen Schweiz, unweit der tschechischen Grenze: Viele Wanderer und Radfahrer kommen hier vorbei – hin und wieder auch welche aus dem Nachbarland. Die Tschechen aber trinken bei ihm höchstens ein Bier, sagt der Wirt. Fürs Essen reiche das Geld nicht. Warum er da seine Speisekarte ins Tschechische übersetzen soll …

Ein Vorurteil – nicht ganz unbegründet – vor allem aber weit verbreitet unter Gastwirten im Landkreis. Oft wird es zitiert, wenn man nach speziellen tschechischsprachigen Serviceangeboten fragt. Manch einer setzt auch darauf, dass seine tschechischen Gäste und Kunden des Deutschen, zumindest aber des Englischen mächtig sind.

Ein Argument, dass die Tourismusverbände nicht sehr weise finden, denn Erhebungen zeigen: Der Reisestrom aus Tschechien nimmt zu. Das ist nicht nur zahlen- sondern auch umsatzmäßig spürbar.

Bis zu zehn Prozent Umsatz

Eine tschechische Speisekarte anzubieten, sei inzwischen mehr als nur eine wichtige Geste, findet deshalb Tino Richter, Geschäftsführer des Tourismusverbands Sächsische Schweiz. Noch verhallt sein Ruf in der Gastwirtschaftsbranche weitgehend ungehört. Der Hotel- und Gaststättenverband habe den Wirten sogar schon Unterstützung beim Übersetzen ihres Menüs angeboten, sagt Richter. Doch die Aktion blieb ohne große Resonanz.

Auch Ivo Teichmann, Chef im Tourismusverein Elbsandsteingebirge, sieht im Reisestrom aus dem Nachbarland eine „nicht unerhebliche Wirtschaftskraft“ stecken. Dass der Service dem Trend hinterherhinkt, sieht Teichmann zum Teil in einer „Lustlosigkeit“ gegenüber der tschechischen Sprache begründet.

Die Industrie- und Handelskammer Dresden geht davon aus, dass Tschechiens Bürger vor allem im sächsischen Einzelhandel für wachsende Umsätze sorgen. Bestimmte Artikel – etwa im Bereich Mode und Parfümerie – seien in Deutschland billiger zu haben als in Tschechien, sagt IHK-Sprecher Lars Fiehler. Thorsten Kemp, Manager der Dresdner Altmarktgalerie, bestätigt den Trend. Über das Jahr habe das Center rund 2,5 Prozent tschechische Kunden, sagt er. „Tendenz steigend.“ Wolfgang Wirz, Chef im Dresdner Karstadt, geht sogar davon aus, dass die Tschechen an bestimmten Wochenenden für zehn Prozent seines Umsatzes verantwortlich sind. Karstadt stellt sich darauf zunehmend ein – vor allem mit Werbung im Nachbarland.

Als Übernachtungsgäste fallen die tschechischen Reisenden in der Region zwar noch nicht ins Gewicht. Laut Statistischem Landesamt gingen im Vorjahr nur rund 1600 von insgesamt knapp 660000 Ankünften in Hotels, Pensionen und Herbergen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge auf Gäste aus Tschechien zurück. Multipliziert man diese Zahl mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 2,3 Tagen und durchschnittlichen Tagesausgaben zwischen 50 und 80 Euro dürfte diese Gruppe weniger als 300000 Euro pro Jahr in den Landkreis bringen.

Etliche erkennen den Trend

Der anschwellende Reisestrom von Tages- und Einkaufstouristen aus dem Nachbarland wird allerdings von keiner Statistik erfasst. Dass er nicht zu unterschätzen ist, wird im Landkreis zunehmend erkannt: Die Festung Königstein etwa hat sich mit Audio-Führungen in tschechischer Sprache und anderen Serviceangeboten darauf eingestellt und soeben neue tschechische Handzettel zu einigen Ausstellungen gedruckt. Tschechischsprachige Infos gibt es auch auf Schloss Weesenstein, der Burg Stolpen und bei der Kirnitzschtalbahn.

Die Region – und mit ihr viele Handels- und Tourismusfirmen – macht demnächst in einer tschechischen Sonderausgabe der Sächsischen Zeitung auf sich aufmerksam, die an 100000 Haushalte in Nordböhmen verteilt wird. Und auch das gibt es schon: In der Brückenschänke in Sebnitz können Gäste aus dem Nachbarland ihre Rechnung seit fünf Jahren in tschechischen Kronen bezahlen.

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