Trotz Flut lohnt sich ein Besuch in der Sächsischen Schweiz

von tveg am 15. Juni 2013

copyright mike jägerHerrliche Aussichten, grandiose Natur, tolles Wetter – Ruhe.
Und jeder Besucher hilft uns.

Das Elbsandsteingebirge ist eine Landschaft, wo man auf wundersame Weise etwas haben kann, was es gar nicht geben dürfte: ein bequemes Abenteuer.

Einerseits bringt es das malerische Gebirge fertig, mit jedem Schritt, den man hineinwandert, immer größer und wilder zu werden. Sanfte Täler rücken plötzlich zu steilen Schluchten zusammen, aus dem breiten Weg wird ein schmaler, eine Piste, ein Pfad – ein Nichts. Felsen, die aus der Ferne wie kleine, pittoreske Türme aussehen, wachsen zu himmelhohen und beängstigenden Ungetümen heran.

Andererseits biegt man in dieser Wildnis einmal um die Ecke und steht – vor einer Kneipentür. Müdegelaufene Füße finden hier fast von allein unter irgendeinen Tisch. Das Wort Landschaftsgenuss kennt in der Sächsischen Schweiz zwei Bedeutungen: Man kann ihn sich mit Schweiß verdienen. Aber es gibt ihn auch à la carte.

Daran hat das Hochwasser der vergangenen Tage nichts geändert. Wie eh und je belohnt das Gebirge jeden Besucher geradezu verschwenderisch mit herrlichen Aussichten, grandioser Natur, zurzeit sogar mit tollem Wetter. Jedoch die Besucher bleiben aus. Gastwirte und Hoteliers im Elbsandsteingebirge erleben eine Welle von Stornierungen, selbst in Gebieten, die weitab vom Flutgeschehen liegen.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband spricht von „Stornierungen in Größenordnungen“. Reihenweise würden Quartierbuchungen und Feiern abgesagt. Der Campingplatz Ostrauer Mühle im Kirnitzschtal beispielsweise beziffert seine Ausfälle schon jetzt auf 25000 Euro. Von den 100 Stellplätzen seien momentan nur drei belegt und er habe bis in den August hinein Absagen, klagt Betreiber Christoph Hasse. Die Leute seien verunsichert. Viele würden das Ausmaß der Zerstörung größer einschätzen, als es in Wirklichkeit sei. Manch einer habe auch Angst, als Hochwassertourist zu gelten. Andere Touristiker bestätigen solche Aussagen. Marc Henkenjohann, Inhaber mehrerer Bergwirtschaften, spricht von einem „Tourismus fast auf Nullniveau.“

Damit droht der Sächsischen Schweiz ein noch größerer Schaden, als der durch die Flut ohnehin schon entstandene. Denn die Verluste treffen eine vom langen Winter und einem verregneten Frühling bereits geschwächte Branche – und einen wichtigen Lebensnerv der Region. Mit über 3000 Beschäftigten gehört der Tourismussektor zu den großen Arbeitgebern im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Bemessen nach dem erwirtschafteten Jahresumsatz stand die Branche im Jahr 2010 mit reichlich 141 Millionen Euro auf Rang fünf hinter Handel, Metallverarbeitung, Bau und Kunststoffindustrie. Vor allem aber sind Tourismus und Landschaft wesentliche Imagebildner der Region, mit deren Attributen auch andere Branchen gerne werben.

Die Situation an der Elbe gebietet Nachrichten über Sperrmüllberge und Schlammwüsten – aber für den Tourismus sind solche Bilder und Meldungen eine zusätzliche Belastung, denn sie werfen einen mächtigen Schatten auf die Gastlichkeit der Region. Niemand macht gerne zwischen Müllbergen Urlaub. Die Wellen der Hilfs- und Spendenbereitschaft, die solche Nachrichten ebenfalls auslösen, rühren von einer anderen Gefühlsebene her. Moralisch mag manchem der Gedanke sogar absurd erscheinen, es sich da gut gehen zu lassen, wo andere leiden.

Doch gerade jetzt hätte die Sächsische Schweiz Hilfsbereitschaft auch in Form von Quartierbuchungen und Tischbestellungen nötig. Denn große Teile des Gastronomiesektors und der touristischen Infrastruktur sind – anders als es die beständige und logische Flutberichterstattung auch der Sächsischen Zeitung für einen Außenstehenden vermuten lässt – vollkommen intakt. Mancher Wirt hat sein Haus in den vergangenen Tagen nur deshalb geschlossen, weil keine Gäste zu ihm kamen. Dabei sind weite Teile der Sächsischen Schweiz unbeschadet und inzwischen auch wieder problemlos mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. In Bad Schandau etwa sind ab heute die Durchfahrtsbeschränkungen im Stadtgebiet aufgehoben, die Fahrt ins Kirnitzschtal und nach Schmilka ist somit wieder frei. Die Kirnitzschtalbahn und etliche Elbfähren fahren wieder, die meisten Parkplätze in der hinteren Sächsischen Schweiz – ausgenommen die beiden am Schandauer Elbkai – sind offen. Ausflugsziele wie die Festung Königstein, sämtliche Tafelberge, Bastei, Felsenbühne, Brand, Großer Winterberg, Bielatal oder Hinterhermsdorfer Kahnfahrt sind in Betrieb bzw. erreichbar.

Für die Branche geht es jetzt vor allem um Schadensbegrenzung, wie Ivo Teichmann, Chef des Tourismusvereins Elbsandsteingebirge, sagt. „Der Sperrmüll wird bald nicht mehr zu sehen sein.“

Zur Schadensbegrenzung gehören Geschichten über Urlauber, die dageblieben oder trotz des Hochwassers in die Region gekommen sind. Geschichten wie jene von drei Wanderern aus Marburg, die am Donnerstag mit Rucksäcken schwer bepackt von Altendorf über die Affensteine bis an den Biertisch im Zeughaus gefunden haben. An ihrem ersten Urlaubstag. Sie erleben eine Sächsische Schweiz, wie sie schöner nicht sein kann. Abenteuerlich. Wild. Gastlich. Und die Marburger haben sie ganz für sich allein.

(c) Hartmut Landgraf (Text)
(c) Mike Jäger (Foto)
SZ 15.06.2013

Hier finden Sie Unterkünfte in der Sächsischen Schweiz / Elbsandsteingebirge:

http://www.tourismusverein-elbsandsteingebirge.de/

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