Niedergrundnadel droht Abriss

von tveg am 17. September 2013

Die Niedergrundnadel im Elbtal bei Dolni Zleb. Laut einem Gutachten ist der Felsen instabil und bedroht die im Tal verlaufende Bahnstrecke.
niedergrundnadel
Der Felsentum sei eine Gefahr für die Bahnlinie Dresden-Prag. Kletterfreunde fürchten einen gefährlichen Präzedenzfall.

Sieben Wege führen auf die Niedergrundnadel, davon einer mit Schwierigkeitsgrad 8b. Doch nun droht der Sandsteinturm in der Nähe des Dorfes Dolní Zleb (Niedergrund) komplett aus den Kletterführern zu verschwinden. Eigentlich sollte die Nadel seit Juni saniert werden. Doch auf einem Vor-Ort-Termin Anfang September wurde auf einmal der Abriss binnen 14 Tagen beschlossen. Ein neues geologisches Gutachten hatte ergeben, dass der Felsen bereits so instabil ist, dass über kurz oder lang sein Einsturz droht. Daran ändere auch eine aufwendige Sanierung nichts, denn auch sie gebe keine dauerhafte Sicherheit, heißt es in dem Papier. Das Problem: Genau unterhalb des Felsens verläuft die gut ausgelastete Bahnverbindung Dresden-Prag.

Der Abrissbeschluss hat vor allem wegen seiner überraschenden Schnelligkeit für einen Aufschrei in der Klettergemeinde gesorgt. „Wir können von Glück reden, dass wir unsere Informationsquellen haben. Offiziell wurden wir nicht informiert“, sagt Jan Pleticha vom tschechischen Kletterverband. Er hatte zwei Tage vor dem Abrissbeschluss noch einmal eindringlich vor einem Abriss gewarnt. Das sei nicht nur ein schwerer Eingriff in die Landschaft, sondern es werde auch ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Mit Verweis auf das Vorgehen bei der Niedergrundnadel könnte in Zukunft schneller einem Abriss der Vorzug gegeben werden, als einer oft teureren Sanierung, fürchtet Pleticha. Die tschechische Schienennetzverwaltung hatte den Abriss auch aus finanziellen Gründen gefordert.

War die Stellungnahme des Kletterverbandes Anfang September noch vergeblich, hat der nachfolgende Hilferuf auf einer Kletterwebseite den Abriss vorerst gestoppt. „Donnerstag letzte Woche wurde uns von der Verwaltung des Landschaftsschutzgebiets Elbsandsteingebirge mitgeteilt, dass der Prozess ausgesetzt ist“, bestätigt Pleticha.

Dabei hatte auch der Vertreter des Schutzgebietes zunächst dem Abriss zugestimmt. „Das ist unglücklich verlaufen. Von unserer Seite gibt es nur eine Zustimmung zur Sanierung“, stellt Petr Bauer, stellvertretender Leiter des Landschaftsschutzgebietes, richtig. So eine Entscheidung sei viel zu weitreichend, um sie auf einem Bautermin treffen zu können. Außerdem sei das erwähnte Gutachten vom Frühjahr. „Das wirft die Frage auf, warum der Investor erst jetzt damit kommt“, so Bauer. Seine Behörde will nun ein eigenes Gutachten in Auftrag geben. Damit kommt sie einer Forderung der Kletterer nach, die langfristige Messungen gefordert haben.

Auch wenn Kletterer Jan Pleticha die Abwendung des Abrisses als Erfolg verbucht, für die Niedergrundnadel ist das erst einmal nur ein Zeitgewinn. Dass es am Ende doch noch zu einem Abriss kommt, will Petr Bauer nicht ausschließen. Bei der Niedergrundnadel, deren Untergrund instabil sein soll, könne ein Felssturz schnell passieren. „Ein regenreicher Herbst und ein Winter mit starken Schwankungen von Frost- und Tauwetter reichen schon aus“, warnt Bauer. Die Folgen eines Felssturzes seien angesichts der Fernbahnlinie nicht absehbar. „Dann müssen wir abwägen, ob uns der Naturschutz wichtiger ist als der Schutz von Menschenleben.“

Laut tschechischem Umweltschutzgesetz kann eine Abriss-Entscheidung nur die Regierung in Prag treffen.

Text: Steffen Neumann / SZ 17.09.2013
Foto: privat

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