Nationalpark sprengt die Schwedenlöcher frei

von tveg am 30. August 2013

Nationalpark-Bauchef Matthias Herschel und Sprengmeister Christoph Oswald

Trümmerfeld: Nationalpark-Bauchef Matthias Herschel und Sprengmeister Christoph Oswald vor Resten des Felsens.Foto: Marko Förster

„Das macht bloß bissl Zisch“ – Nationalpark sprengt die Schwedenlöcher frei

Mit der umstrittenen Aktion will man einem Felssturz zuvorkommen. Der Wanderweg bleibt trotzdem vorerst zu.

Rund 150 Stufen oberhalb des Amselgrunds öffnet sich dem Betrachter seit Dienstag ein kleiner Steinbruch. Frisch gebrochene Felsbrocken und fast weißer Sand bedecken auf etwa 40 Quadratmetern den Waldboden. Die Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz hat in den Schwedenlöchern einen Felsen sprengen lassen. Um die 1500 Kubikmeter Gestein wurden zu Fall gebracht, damit Wanderer die Stelle bald wieder sicher queren können. Der Sprengung vorausgegangen waren monatelange Untersuchungen und die Frage: Geht es zu weit, mitten im Nationalpark einen Felsen zu sprengen, nur weil Touristen hier entlang kraxeln wollen?

Wer zurzeit von Rathen aus die Bastei erklimmen möchte, muss den langen Weg über den Amselgrund nehmen. Seit Februar ist der direkte Pfad durch die Schwedenlöcher, einer der bekanntesten Wanderwege im Elbsandsteingebirge, gesperrt. Wo sich im 30-jährigen Krieg Bauern vor den Schweden versteckten, machte dem Nationalparkwächtern ein gefährlich überhängender, von tiefen Rissen durchzogener Fels Sorgen. Nun wurde der Brocken entschärft. Und die Arbeiten gehen weiter. Bis zum 20. September testen Fachleute hier weitere Felsen auf Standsicherheit – mithilfe von Druckluftkissen.

Die Nationalparkverwaltung hat lange um eine Lösung des Felsdilemmas in den Schwedenlöchern gerungen. Am Pfingstsonntag 2012 hatte sich ganz in der Nähe eine riesige Sandsteinplatte gelöst, abgesprengt von einer Baumwurzel, und donnerte aus fast 50 Metern Höhe in Richtung des an diesem Tag stark begangenen Wanderweges. Matthias Herschel, verantwortlich für die Wegesicherheit im Nationalpark, erinnert sich noch gut. Glücklicherweise zersprang die Sandsteinplatte in einer schmalen Felsspalte oberhalb des Weges. Gesteinsstückchen verletzten zwar sieben Wanderer. Wäre die Platte aber nicht aufgehalten worden, hätte es mit hoher Wahrscheinlichkeit Tote gegeben.

Die Nationalparkverwaltung besah sich die umliegenden Felsen daraufhin genauer. „Ohne den Felssturz hätte sich niemand den Turm angeschaut“, sagt Nationalpark-Pressesprecher Hanspeter Mayr. „Sein unsicheres Fundament und die Klüfte im Gestein hätten ihn jederzeit in die Tiefe stürzen lassen können.“ Im Februar dieses Jahres wurden die Schwedenlöcher aus Sicherheitsgründen gesperrt.

Ein Freiberger Ingenieurbüro untersuchte in den letzten Monaten den Fels und wog ab, welches Verfahren Schutz vor einem Absturz bieten könnte. Im Gutachten ist von 90 Zentimeter tiefen Rissen im oberen Drittel des Felskörpers und Wandeinkerbungen von bis zu zwölf Meter Länge zu lesen. Die Fachleute gehen im Gutachten davon aus, dass der Felsturm keine Verbindung mehr zum Massiv hatte. „Er stand wirklich nur noch auf dem Sockel“, sagt Hanspeter Mayr. Jetzt gab es zwei Möglichkeiten: sprengen oder am Massiv sichern. „Die Variante einer Sicherung mit Felsnägeln wäre dreimal teurer gewesen“, sagt Mayr. „Wir entschieden uns deshalb dafür, dem natürlichen Erosionsprozess Vorschub zu leisten.“ Also sprengen.

Mit einer kleinen Ladung Sprengstoff wurde der Sandsteinturm am Dienstag vom Boden abgetrennt. Sprengmeister Christoph Oswald, der sich sonst um alte Schornsteine kümmert, brauchte nur ein wenig nachzuhelfen, damit das Gestein durch sein eigenes Gewicht zusammenbrach. „Wir wollen nicht, dass hier im nächsten halben Jahr wieder Felsstücke abstürzen“, sagte er. „Aber dass jemand unterschreibt, hier sei ab sofort alles sicher, glaub ich nicht.“

Absolute Sicherheit vor Felsstürzen sei eine Illusion in einem Erosionsgebirge, bestätigt Matthias Herschel. „Seine Attraktivität rührt ja gerade vom Verfall uralten Gesteins her.“ Dass überhaupt gesprengt wurde, sei eine Ausnahme, bekräftigt auch Nationalpark-Chef Dietrich Butter. Ausschlaggebend sei die hohe Besucherdichte auf dem Wanderweg gewesen. Vor Ende des Jahres soll er wieder geöffnet werden. Zunächst muss eine Landschaftsbaufirma einen Steg über das Trümmerfeld bauen.

©marko förster / SZ 30.08.2013

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