Die Zahl der Wanderunfälle im Elbsandsteingebirge steigt. Viele Wanderer unterschätzen die Gefahren.

von tveg am 27. Oktober 2013

Eine 49-jährige Wanderin stürzt vom Lilienstein 40 Meter in die Tiefe. Eine Besucherin fällt nahe der Basteiaussicht ebenfalls 40Meter tief und landet schwer verletzt in der Krone einer Birke. Zwei elf und 13 Jahre alte Jungen verunglücken auf dem Rückweg von ihrer Klettertour mit den Großeltern bei Hohnstein und werden mit dem Rettungshubschrauber in die Uniklinik nach Dresden geflogen.

Zwischen diesen Ereignissen liegen keine vier Wochen. Der jüngste Einsatz der Bergwacht ist gerade einmal drei Tage her. Sie muss immer öfter ausrücken, 58-mal schon in diesem Jahr, und die Wandersaison ist noch nicht zu Ende. Im gesamten Vorjahr verzeichneten die Bergretter 43 Einsätze im Elbsandsteingebirge.

Es sind häufig nicht die waghalsigen Felskletterer, deren Touren auf den Tragen der Bergretter enden. Es sind ganz normale Wanderer. Jedes Jahr besuchen drei Millionen Gäste den Nationalpark, die Region könnte sogar noch mehr verkraften. Aber wie viel Nationalpark verkraften die Besucher? Sie verunglücken oft am Nachmittag, wenn schon einige Kilometer in den Beinen stecken und die letzte ordentliche Mahlzeit Stunden her ist. Die Konzentrationsfähigkeit sinkt und das Unfallrisiko steigt.

Sind die Wege, Stiegen und Klettersteige in der Sächsischen Schweiz zu gefährlich für normale Wanderer? Für die Wegsicherheit ist die Nationalparkverwaltung zuständig. Vier Bauarbeiter sind ganzjährig im Einsatz, um alles zu kontrollieren und gegebenenfalls zu reparieren. Bei den Geländern an Brücken und Übergängen, wie an der Bastei, fordert der Gesetzgeber zudem externe Kontrollen durch den Technischen Überwachungsverein. Die strengen Tüv-Prüfer kommen einmal im Jahr.

Nationalpark-Sprecher Hanspeter Mayer appelliert dennoch an die Vernunft der Wanderer. „Wir können nicht jedes Felsplateau einzäunen“, sagt er und zeigt einen Felsvorsprung an der Westseite des Liliensteins. Eine kleine Kiefer wächst in der Mitte einer Felsplatte, die eine Armlänge vom Massiv getrennt ist. Wer unbedingt hinüber will, muss springen. Ob er das tatsächlich tut, entscheidet jeder selbst, immerhin ist die Felsspalte, die es zu überwinden gilt, 60 Meter tief. Wer Höhenangst hat, zu Kreislaufproblemen neigt oder einfach unsicher oder nicht sportlich genug ist, sollte den Sprung über den Abgrund also lieber nicht wagen. Die Wanderer tun es trotzdem, wie die Trittspuren im Fels beweisen.

Oft geht es gut, manchmal aber eben auch nicht. „Der Abgrund ist eine natürliche, für jeden sichtbare Gefahr. Da setzten wir auf Eigenverantwortung“, sagt Hanspeter Mayr. Nur an besonders beliebten Aussichtspunkten gibt es Metallzäune, wie auf dem Lilienstein rund um den Obelisken von August dem Starken.

350 Strafzettel im Jahr

Hanspeter Mayr greift auf das verzinkte Metallgeländer. Der Farbabrieb lässt erahnen, wie viele Tausend Hände hier schon Halt gesucht und gefunden haben. „Das ist für unsere Besucher mit einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis“, sagt Mayr. Wenige Meter weiter stand mal ein Geländer, das es heute nicht mehr gibt. Mitglieder von Fotocommunitys hatten sich über die verschandelte Aussicht beklagt, da wurden die Metallstreben wieder abmontiert.

Sie haben sonst ein langes Leben, anders als die Holzhandläufe, die man vor allem im unteren Teil des Berges antrifft. Sie leiten den Wanderer auf seinem Weg. Denn in einem Nationalpark darf man nicht einfach kreuz und quer laufen. Wer von den Rangern dabei erwischt wird, muss bis zu zwanzig Euro Strafe zahlen. Durchschnittlich 350 Ordnungswidrigkeiten registriert die Nationalparkverwaltung jedes Jahr. Meist sind es aber nicht die Wanderer auf Abwegen, die zahlen müssen, sondern die Falschparker, die am Fuß der Berge Rettungszufahrten blockieren.

Mit den Wanderern versuchen die Ranger ins Gespräch zu kommen. Sie erklären, dass das ausgewiesene Wegenetz hilft, den Nationalpark zu erhalten und den Fels vor Erosion zu schützen.

Nur wenige Meter unterhalb des Lilienstein-Plateaus steht Familie Paul aus Heidenau. Das Rentnerehepaar genießt, ans Geländer gelehnt, den Ausblick und sammelt dabei neue Kräfte. „Wir waren vor Jahren das letzte Mal hier, aber so einen schönen Herbsttag muss man einfach nutzen“, sagen sie. Angesprochen auf ihre Ausrüstung, hebt Herr Paul die linke Hand, dort baumelt eine silberne Videokamera. Frau Paul blickt betreten auf ihre Schuhe. Sie sind zwar zum Schnüren, aber mit geringem Profil und auch nicht knöchelhoch. „Eine Wanderausrüstung haben wir gar nicht“, gesteht die Heidenauerin, aber in ihrer Handtasche, da hat sie eine Flasche mit Wasser.

Das ist immerhin ein Anfang.

Text (c) Ines Mallek-Klein     /      SZ 26.10.2013
Foto: (c) I. Teichmann  (Herkulessäulen  /  März 2005)

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